Donnerstag, 05 Oktober 2017 09:58

Artgerechte Hundehaltung

Der Wolf –Wie viel von seinem Verhalten findet sich noch im Hund? Der Wolf –Wie viel von seinem Verhalten findet sich noch im Hund? © ninajansen.de
ARTGERECHTE HUNDEHALTUNG – WAS IST DAS?

Mit Hunden zu leben, sie zu erziehen und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden ist eine besondere Aufgabe. Sie fordert zum Nachdenken und Umdenken auf.

Der Begriff der artgerechten Haltung findet im Allgemeinen in der Tierhaltung, also auch in der Nutztierhaltung, Verwendung und beschreibt die Ermöglichung natürlichen Verhaltens in größtmöglichem Maße innerhalb der Haltungsbedingungen. Damit sind zum Beispiel das Nahrungsaufnahmeverhalten, die Bewegung in einem angemessenen Raum, der soziale Kontakt mit einer der natürlich vorkommenden Gruppengröße entsprechenden Anzahl gleichartiger Individuen, Balz- und Brutpflegeverhalten und andere veranlagte Verhaltensweisen gemeint. Im derzeitigen Tierschutzgesetz ist verankert, dass beispielsweise Kaninchen, Meerschweinchen und Schwarmvögel nicht mehr allein gehalten werden dürfen. Mindestens zwei Individuen dieser Arten müssen miteinander in einem angemessen großen Raum leben dürfen. Nur so kann gewährleistet werden, dass sich diese Tiere körperlich und psychisch wohl fühlen. In der Nutztierhaltung entsteht aus einer artgerechten Haltung zudem noch eine höhere Reproduktionsrate und Tiergesundheit.

Neben den Nutztieren und komplett abhängigen Haustieren in Käfig- oder Stallhaltung werden auch die potenziell relativ unabhängigen Hauskatzen gern artgerecht, mit Freilauf, gehalten. So können unterschiedliche natürliche Verhaltensweisen wie Jagdverhalten und Territorialverhalten gelebt werden. Das dies zu lasten der Singvögel geht, ist naheliegend. Der Haustiermarkt bietet für unterbeschäftigte Wohnungskatzen eine Vielzahl an Ersatzjagdspielzeugen, Kratzbäumen und Katzentoiletten an, um artgerechte Haltung bezüglich der Jagd und der Defäkation zu ermöglichen. Leider werden weder in der Nutztier- noch in der Haustierhaltung alle Möglichkeiten der artgerechten Haltung ausgeschöpft. Es gibt jedoch kaum Uneinigkeit darüber, was eine artgerechte Haltung der entsprechenden Tierarten beinhalten und bewirken würde. Lediglich die Umsetzbarkeit in Bezug auf Personalstärke, Raumangebot, Arbeitsaufwand, die Finanzierbarkeit der notwendigen Maßnahmen und der Zeitaufwand stellen beispielsweise Landwirte vor große Herausforderungen.

DOCH WIE SIEHT ES IN DER HUNDEHALTUNG AUS?

Was bedeutet artgerechte Haltung für einen Hund? Auch hier würde artgerechte Haltung bedeuten, das natürliche Verhaltensspektrum zu ermöglichen. Doch was ist das natürliche Verhaltensspektrum des Hundes? Diese Frage ist leider nicht abschließend zu beantworten, denn es gibt sehr unterschiedliche Meinungen, Untersuchungen und Studien zu diesem Thema. Ich möchte die unterschiedlichen Ansätze und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Hundehaltung vorstellen und meine persönliche Meinung, entstanden aus Erfahrung, Aus- und Fortbildung, Beobachtung, Austausch und schlichtem Nachdenken dazu darstellen.

Wie weit hat sich der Hund schon vom Wolf entfernt?
Die einzig unstrittige These ist die Tatsache, dass Hunde von Wölfen abstammen. Es gibt jedoch diverse unterschiedliche Untersuchungen dazu inwieweit Hunde immer noch über ein wolfsähnliches Verhaltensrepertoire verfügen oder nicht. Domestikation bewirkt eine Verkleinerung des Gehirns von Wildtierart zur domestizierten Tierart um ca. 30 %, da bestimmte Anteile der Gehirnleistung mit der Domestikation nicht mehr benötigt werden. Durch die Abnahme der Bedrohung durch andere Spezies verändert sich beispielsweise das Territorialverhalten und Fluchtdistanzen verringern sich. Die Sinnesleistungen der domestizierten Tiere lassen nach, da die Wahrnehmung der Umwelt für domestizierte Tiere nicht mehr so existentiell vonnöten ist wie für Wildtiere.

welpen

Es gibt Studien, die belegen wollen, dass Hunde über eine bessere Menschen-Gesichtserkennung als Wölfe verfügen, dass sie besser Kohlenhydrate verdauen können, dass sie lieber mit Menschen kooperieren als mit anderen Hunden. Diese Studien sollen verdeutlichen, dass sich der Hund weiter vom Wolf entfernt hat als man es bei einer genetischen Übereinstimmung von über 98 % erwarten könnte. Doch wissenschaftliche Studien sollte man grundsätzlich unter einigen kritischen Gesichtspunkten betrachten: Wer hat die Studie in Auftrag gegeben, wer bezahlt die Forschung? Finden die Untersuchungen zu Haushunden und Wölfen unter tatsächlich vergleichbaren Bedingungen statt? Werden zum Beispiel beide Spezies ab der Geburt gleich gehalten, aufgezogen, geprägt und sozialisiert? Leben sie im gleichen Umfeld, zum Beispiel einem Gehege? Nur bei absolut gleichen Voraussetzungen kann ich auch vergleichbare Daten erheben. Ausgehend davon, dass die Studien stimmen, stellt sich dennoch die Frage: Was ist denn nun für einen Hund artgerecht? Unabhängig von Untersuchungen, die den Unterschied zum Wolf oder die Nähe zum Wolf betonen, lassen sich bestimmte grundlegend veranlagte Bedürfnisse bestimmten Verhaltensweisen zuordnen.

DIE ARTERHALTUNG UND ANDERE NATÜRLICHE BEDÜRFNISSE

Beginnen wir mit dem Bedürfnis der Arterhaltung:
Um seine Art zu erhalten, muss der Hund sowohl einen fortpflanzungsfähigen Partner finden als auch einen Lebensraum, der gewährleistet, dass die Nachkommenschaft sicher aufgezogen werden kann. Zur sicheren Aufzucht gehören Nahrungsressourcen, eine geschützte und möglichst trockene Schlafstelle, eine Wurfhöhle und eine ausreichend große Distanz zu möglichen  Konkurrenten, um eben diese Ressourcen in Sicherheit zu wissen. Sollte es also Bestandteil einer artgerechten Hundehaltung sein, eine tatsächliche Partnerschaftssuche und die Besetzung eines eigenen Territoriums zuzulassen? Hunde können sich auch in Gefangenschaft, auf kleiner Fläche, ohne Territorium, ohne reale Partnerschaft fortpflanzen. Wie andere Tierarten, inklusive des Menschen, auch. Ist das artgerecht? Sicher nicht.

Was aber können und wollen wir unseren Hunden zumuten?
Dürfen unsere Hunde einen Sozialpartner oder sogar Sexualpartner frei wählen und sich fortpflanzen, eine eigene Gruppe bilden? In den seltensten Fällen. Wenn wir jedoch das natürliche Verhalten der Arterhaltung nicht ermöglichen können oder wollen, wäre es dann nicht fair, unsere Hunde nicht immer wieder mit potenziellen Partnern zu konfrontieren? Wäre es nicht fairer ihnen zu verdeutlichen, dass sie nicht in der sozialen Position sind sich fortzupflanzen? In einer Hundegruppe pflanzen sich normalerweise die ranghöchsten, erfahrensten und vernünftigsten Individuen fort und leben mit einer Gruppe ihrer Nachkommenschaft in einem Familienverband. Hunde leben mit uns Menschen, nicht mit ihrer Verwandtschaft. Betrachtet man weiterführend wissenschaftliche Theorien zum Thema „Sozialverhalten“, so wird dies ausschließlich auf innerartliches Verhalten bezogen. Das bedeutet, dass Hunde Sozialverhalten mit Hunden zeigen, Menschen mit Menschen, Kaninchen mit Kaninchen. Das würde bedeuten, dass wir unsere Hunde nicht artgerecht halten können, da das artgerechte Leben mit arttypischem Sozialverhalten nur in einer Hundegruppe möglich ist. Das wäre ein klares Argument für Hundekontakte auf der Hundewiese und gegen die menschliche Verantwortung für das seelische Wohlergehen unserer Hunde. Wie sieht es mit anderen Formen des natürlichen Verhaltens aus?

GIBT ES EINEN ARTGERECHTEN UMGANG MIT MEINEM HUND?

Wir können Hunde artgerecht ersatzjagen lassen, gemeinsam mit uns als „Vorjäger“. Hunde arbeiten mit Schäfern an Schafen. Das ist ein Teil einer Jagdsequenz. Hunde apportieren Futterbeutel, Dummies, Frisbees oder begleiten tatsächlich ihre Menschen auf die Jagd. Man lässt sie Leckerchenbäume ernten, fördert Appetenzverhalten beim Clickern oder macht Treibball, Reizangeltraining etc. um den Hund artgerecht auszulasten. Auch hier stellt sich jedoch wieder die Frage: Wie jagen und beschäftigen sich Hunde in einer Hundegruppe? Am effektivsten geschieht dies, wenn die Gruppe zusammenlebt, sich gut kennt und jeder von jedem anderen Individuum weiß, welche Begabungen und welche Grenzen es hat, um bestmöglich interagieren zu können. Wir haben es also auch beim Jagdverhalten mit Sozialverhalten zu tun. Am besten jagt man in einer bestehenden sozialen Gruppe. Wenn Sozialverhalten jedoch nur innerhalb einer Art gezeigt werden kann, dann müssen sich Hunde mit Hunden zusammentun, um jagen zu können. Können wir das zulassen? Wollen wir das unseren Hunden ermöglichen? Unsere Hunde können, wenn wir den verhaltensbiologischen Theorien folgen, kein Sozialverhalten mit ihren Menschen entwickeln, können nicht jagen, dürfen sich nicht frei fortpflanzen und kein eigenes Territorium besetzen. Das hieße, wir können unseren Hunden keine artgerechte Haltung anbieten, weil sie sozial organisiert lebende Säugetiere sind, die für ein artgerechtes Leben Sozialverhalten leben können müssen. Und das können wir ihnen nicht bieten.

DES MENSCHEN BESTER FREUND?

Es steht im Tierschutzgesetz jedoch nicht, dass man mindestens zwei Hunde halten muss. Und dennoch behaupten wir, der Hund sei des Menschen bester Freund. Ist dem so? Es kann so sein! Wenn wir verhaltensbiologische Theorien über Bord werfen und die Verantwortung für das geistige, seelische und körperliche Wohl unserer Hunde annehmen und uns eingestehen, dass wir sehr wohl ein Sozialverhalten in einer Familiengruppe mit unseren Hunden teilen. Wenn wir einen Welpen von seiner Mutter trennen, sind wir in meinen Augen dazu verpflichtet, diesem sozial hoch intelligenten Lebewesen einen Ersatz für die beste Mutter, die es haben kann, nämlich die Eigene, anzubieten. Und da bleiben nur wir Menschen übrig.

Was können wir tun? 
Artgerechte Haltung bedeutet, Hunden echtes Sozialverhalten in ihrer Familiengruppe mit ihrem Menschen zu ermöglichen, Ersatzjagd in dieser sozialen Gruppe zu gestalten und ein sicheres Zuhause und stabile soziale Beziehungen, mit dem Hund in einer infantilen Rolle, zu gewährleisten. Dazu gehört, eine hund-gerechte Persönlichkeitsentwicklung zu fördern, den Hund empathisch in unseren Alltag einzubeziehen und ihn dabei nicht zu überfordern.

Hunde wollen nicht beschäftigt werden, Hunde wollen für sie sinnhafte Ziele gemeinsam mit ihren Sozialpartnern erreichen. Hunde wollen keine Pokale gewinnen, sie wollen ihre körperlichen Begabungen für ihre Interessengebiete, für Dinge, die ihnen tatsächlich Spaß machen, die eine ernstzunehmende Aufgabe darstellen, einbringen. Sie wollen nicht Gehorsam lernen, sondern erzogen werden. Sie wollen kein Zielverhalten erlernen, sondern Ziele erreichen. In ihrer sozialen Gruppe. Hunde können Hundefreunde haben. Einige Hunde sind vielleicht auch aufgeschlossen gegenüber neuen Hundebekanntschaften, aber sie bilden kein Rudel auf der Hundewiese und sie klären dort auch nicht ihre Hierarchie. Wenn es eine Hierarchie in einem Sozialverband zu klären gibt, dann ist es die Familie, in der der Hund lebt. Und 99 % aller Hunde wünschen sich, dort „nur“ Hund zu sein. Teil einer sozial interagierenden Gruppe. Mit Eltern, die ihre Elternrolle wahr nehmen und den Hund zwar erwachsen, aber nicht selbständig werden lassen, die Sicherheit, Unterstützung, geistige Förderung und Herausforderungen gewährleisten.

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Um Hunden dies anbieten zu können, ist es notwendig, sich mit der hündischen Kommunikation, mit den rassespezifischen Veranlagungen und der Persönlichkeit des Hundes, mit seinen Ängsten, Nöten und seiner persönlichen Geschichte auseinanderzusetzen.

Artgerechte Tierhaltung bedeutet, ein Tier zu kennen. Seine Bedürfnisse, seine Kommunikation und seine Veranlagung zu kennen. Artgerechte Haltung bedeutet nicht artgerechte Versorgung. Versorgung beinhaltet genügend Futter, Wasser, Platz, Wärme und Licht. Das ist selbstverständlich. Es zählt nicht die Quantität, sondern die Qualität des Lebens, des Alltags, des Sozialkontaktes. Artgerechte Haltung bedeutet, dem Tierleben einen eigenen Sinn zu geben. Themen wie „Bindung“, „Selbstwirksamkeit“, „Resilienz“ und andere finden Eingang in die Hundeerziehung und erweitern die Verhaltensbiologie. Ich habe den Studiengang Kynogogik® entwickelt, um Interessierten eine ganzheitliche Ausbildung zum Berater für Kynogogik® anbieten zu können, in dem sich alle in diesem Artikel befindlichen Bereiche der artgerechten Hundehaltung wieder finden lassen.

Herzliche Grüße vom Deich 
Karin Jansen

 

Quellen & Empfehlungen:

 

 

Karin Jansen

Karin Jansen, Gründerin von STADT MENSCH HUND, 2006, studierte Psychologie und ist Fachbuchautorin im Bereich Hundeerziehung. Sie ist als Dozentin unterschiedlicher Ausbildungseinrichtungen und Seminarträgern tätig. Seit 2016 leitet sie das Institut für Kynogogik®, in dem die Studiengänge Berater und Coach für Kynogogik® angeboten werden. Kynogogik ist die Wissenschaft, die sich ganzheitlich mit dem lebenslangen Lernen von Hunden unter Berücksichtigung aller inneren und äußeren Einflüsse beschäftigt. Eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Hundes und das harmonische Zusammenspiel von Mensch und Hund liegen ihr am Herzen.

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