Sonntag, 18 Dezember 2016 18:48

Hunde sind immer konsequent

Der Flehblick, der unsere Herzen weich wie Butter werden lässt Der Flehblick, der unsere Herzen weich wie Butter werden lässt © ninajansen.de
Gute Vorsätze und unsere Konsequenz

Wer kennt das nicht? „Ab dem 1.1. nächsten Jahres werde ich mehr Sport machen, nicht mehr rauchen und mindestens einmal pro Woche keine Süßigkeiten essen“. Halbwertszeit dieser Vorhaben: Erst mal muss natürlich der Silvester-Kater überstanden werden! Aber dann: Nach drei Malen des Joggens um den Block mit dem gelangweilten, weil geistig unterforderten Vierbeiner, liegt die Motivation ebenso brach wie die zu stählenden Muskeln. Das Nichtraucher-Gebot fällt mit der Junggesellinnen-Abschiedsparty der besten Freundin, aber selbstverständlich schafft man das Süßigkeiten Verbot. Und zwar an dem Tag an dem man turnus-mäßig mit den Kindern zu Mc Donalds fährt, weil von der Jüngsten sonst Krokodilstränen fließen. Wir sind inkonsequent. Und dennoch halten wir Hunde.

 

Hunde sind immer konsequent

Bello wird auch an Feiertagen und trotz eines entzückenden Augenaufschlags von Nachbars Lumpi nicht verraten wo er den Knochen vergraben hat. Die Katze von nebenan hat trotz des miesen Regenwetters kein Willkommen von Hasso bei betreten seines Gartens zu erwarten. „Territorium verteidigen“ ist immer dran, immer wichtig, Und immer heißt immer. Auch wenn wir unseren Hunden beim Kauartikel zermalmen auf dem neuen Perserteppich noch so liebevolle und flehentliche Blicke zuwerfen, werden sie uns eher nichts davon abgeben. Viele unserer Hunde haben gelernt, dass wir uns ihnen beispielsweise zuwenden, wenn sie nur lange genug nerven. Und sie sind da sehr konsequent! Und wir auch: wir reagieren irgendwie doch immer, irgendwann.

 

Warum sind Hunde konsequent?

Hunde sind konsequent, damit wir sie ernst nehmen können. Damit wir darauf vertrauen einen verlässlichen, erwachsenen und kompetenten Partner an unserer Seite zu haben. Damit wir uns ihnen auch draußen anvertrauen können, zeigen sie bereits im bestens geeigneten Lernumfeld „Zuhause“ wie außerordentlich nachdrücklich, ausdauernd und charakterstark sie sind. Zudem bewahren sie uns vor dem Irrtum zu denken, wir müssen uns selber um alles kümmern, zum Beispiel indem sie verlässlich jeden Passant am Gartenzaun wegbellen. Doch wollen wir dieses Bild von uns für unseren Hund so stehen lassen?

 

Emotionale Verlässlichkeit schafft stabile Beziehungsstrukturen

Wenn wir möchten, dass unser Hund sich uns anvertrauen kann, dann müssen wir ihm Verlässlichkeit bieten. Ausnahmen bestätigen die Regel, sollten aber für den Hund nachvollziehbar sein. Wenn mein Hund im Urlaub kein Auge zu tun kann und gestresst ist, darf er selbstverständlich zu mir aufs Bett kommen, um sich sicher zu fühlen. Ich biete ihm Sicherheit und Geborgenheit. Das bedeutet aber nicht, dass es Zuhause ebenso in Ordnung ist. Und wenn ich mich zum dritten Mal zu 100% dafür entscheide meinem Hund zuhause konsequent das Bett zu verweigern, dann ist dies eindeutig zu 100% zwei mal zu spät. Mein Hund kann mir irgendwann nicht mehr glauben.

 

„Wissen entsteht durch Erfahrung“ (Gerald Hüther)

Unsere Hunde beobachten uns. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Ein Welpe weiß nach wenigen Tagen, dass wir ihm körperlich (Tempo, Reaktionsgeschwindigkeit, Dynamik) unterlegen sind und wird versuchen herauszufinden, wie wir das zu kompensieren gedenken. Die Verfolgungsjagd um den Esstisch bei der unser Welpe den eroberten neuen Schuh im Maul trägt, ist legendär und beinhaltet für den Welpen die elementare Frage „Was tust du nun lieber Mensch?“ Ein Hund entwickelt aus den mit uns gemachten Erfahrungen ein Bild von uns, das für ihn darüber entscheidet, wie er uns einschätzen muss, was er von uns erwarten kann. Wenn mein Hund die Erfahrung macht, dass wir nicht in der Lage sind unseren, uns liebenden Hund zu „handeln“, zu begrenzen und mit Spielregeln für den Umgang mit dem Rest der Welt zu versorgen, wie soll er uns dann zutrauen, dass wir andere Hunde, Menschen, Autos oder Katzen unter Kontrolle halten können? Wenn mein Hund aus den Erfahrungen mit mir ableiten muss, dass ich offensichtlich nicht die Stärke habe seinen entzückenden Blicken zu widerstehen kann er mich nicht ernst nehmen.

 

Achtsamkeit für unseren Hund

Rennt mein Welpe also um den Tisch, renne ich entweder solange hinterher, bis er aufgibt oder beende sein Spiel durch Geschick und Verstand. Sollte dies auch noch so lange dauern. Will er etwas verschlucken, öffne ich das Maul und fasse hinein, auch wenn ich nichts mehr hinausbefördern kann. Wenn mein Hund nicht aus dem Garten herein kommen möchte, in den ich ihn aus Versehen unangeleint und unbegleitet gelassen habe, dann gehe ich ihm dort solange nach, bis er einsieht, dass es sinnvoll ist sich ins Haus zu bewegen. Soll mein Hund nichts vom Tisch bekommen, dann kriegt er nichts vom Tisch. Hunde betteln und provozieren nicht, weil sie das Objekt, um das es geht, unbedingt brauchen, sondern um zu erleben, ob wir es schaffen es ihnen zu verwehren. Doch Vorsicht: Alle Regeln, die ich aufstelle und die ich konsequent umsetzen möchte, sollten sich daran orientieren, ob mein Hund in der Lage ist diese zu verstehen und zu befolgen. Achtsam für seinen Hund zu sein bedeutet zu erkennen, warum mein Hund sich in bestimmten Situationen nicht kooperativ verhalten kann, warum er Dinge tut, die längst als „no goes“ klassifiziert wurden. Viele Hunde mögen sich beispielsweise in der Öffentlichkeit, in einer für sie beunruhigenden Situation, nicht setzen.

Als achtsamer Hundehalter sollte ich bemerken, dass mein Hund mit der Situation ein Problem hat und nicht gerade jetzt versuchen das Signal „Sitz“ konsequent umzusetzen. Das wäre unangebrachte Konsequenz, die für den Hund weder nachvollziehbar noch verständnisvoll erscheinen kann. Hunde deuten durch mehrmaliges Umsehen in alle Richtungen an, dass sie verunsichert sind und setzen sich dann, wenn überhaupt nur sehr langsam. Als achtsamer Hundehalter werde ich auf diese Blicke achten und entweder gar nicht erst ein „Sitz“ vorschlagen oder meine Position so wählen, dass mein Hund sich sicher genug fühlt. Eine Position mit einer Wand im Hintergrund, vermittelt beispielsweise mehr Sicherheit als frei auf einer Fläche zu sitzen.

 

Achtsame Konsequenz ohne Dogma

Ich kann als Hundehalter konsequent achtsam sein, auf die Bedürfnisse und Sorgen meines Hundes achten und in ihm das Gefühl wachsen lassen „Mein Mensch würde mich niemals in Gefahr bringen und versteht meine Sorgen“. Ich kann konsequent daran arbeiten, dass mein Hund mich ernst nimmt. Ich schade nicht nur mir, wenn ich ihn mal auf das sonst verbotene Sofa lasse („Zur Feier des Tages“), sondern erschüttere das Vertrauen meines Hundes in mich. Und das nachhaltig. Konsequenz beginnt im Alltag, zuhause, im täglichen Miteinander. Der konsequente Umgang mit Ressourcen, Liegestellen, Begrüßungsritualen und Freilauf des Menschen sind Grundlagen für ein wachsendes Vertrauen und ein harmonisches Miteinander. Doch nur wenn wir Hundehalter authentisch bleiben, kann unser Hund uns ernst nehmen. Eine gute Hilfestellung zum konsequenten und achtsamen Umgang von uns mit unserem Hund ist mit der Familie gemeinsam zu formulieren, worauf man achten möchte. Aufgeschrieben, an den Kühlschrank gehängt, können alle Familienmitglieder nachvollziehen zu welchem Konsenz man gekommen ist. Die Verantwortung für das Wohlergehen unseres Hundes liegt aber trotz Familienrates bei den Erwachsenen und die achtsame Konsequenz ist unsere Aufgabe. Konsequenz dient dem Wohlergehen unserer Hunde und nicht der Durchsetzung unserer Interessen und sollte nicht zum Dogma werden.

Bei Fragen zu Konsequenz und Achtsamkeit berate ich Sie gerne!

Herzliche Grüße aus dem Snuut-Huus om Deich
Karin Jansen

 

Quellen & Empfehlungen:

Karin Jansen

Karin Jansen, Gründerin von STADT MENSCH HUND, 2006, studierte Psychologie und ist Fachbuchautorin im Bereich Hundeerziehung. Sie ist als Dozentin unterschiedlicher Ausbildungseinrichtungen und Seminarträgern tätig. Seit 2016 leitet sie das Institut für Kynogogik®, in dem die Studiengänge Berater und Coach für Kynogogik® angeboten werden. Kynogogik ist die Wissenschaft, die sich ganzheitlich mit dem lebenslangen Lernen von Hunden unter Berücksichtigung aller inneren und äußeren Einflüsse beschäftigt. Eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Hundes und das harmonische Zusammenspiel von Mensch und Hund liegen ihr am Herzen.