Donnerstag, 24 November 2016 10:27

Modehunde – unerfüllte Sehnsüchte wahr werden lassen?

Modehunde – unerfüllte Sehnsüchte wahr werden lassen? © ninajansen.de
VON HELDEN, HERZCHEN UND HILFSBEDÜRFTIGEN

Wohliger Welpe auf samtweichen Satinkissen mit Kulleraugen-Kind. Werbepsychologen wissen mit welchen Hunden sie uns zum Erwerb eines Produktes ermutigen können, welche Sehnsüchte sie ansprechen, welche Zielgruppe sie erreichen wollen. Und diese Bilder wecken Wünsche in uns, sprechen Sehnsüchte an. Nach heiler Familie, nach Freizeit, nach Unbeschwertheit.

Trotz Klimawandels werden immer noch Weihnachtswerbungen mit Schnee gedreht. Wir wünschen uns den roten Coca-Cola-Weihnachtsmann im Schneetraum mit glücklichen Kindern. Und glücklichem Hund. Oder wir wünschen uns dies gerade nicht. Wollen dem Klischee entfliehen, wollen es anders machen als die Eltern es uns vorgemacht haben. Individuelle Weihnachtsgestaltung mit individuellem, veganen (Weihnachtsbraten-freiem) Menü an individuellem Weihnachts-aktiv-Spa-Urlaubsziel. Mit aktivem Hund. Wer von uns kennt ihn nicht, den wohligen Schauer wenn wir etwas so richtig beeindruckend finden? Wer guckt sie nicht, die Filme mit den coolen Helden, die nichts aus der Fassung bringen kann, die unermüdlich für das Gerechte, Gute, für ihre Familie, Freunde oder das britische Königshaus mit der 00 Lizenz zum Töten kämpfen? Wären wir nicht selber gern unbestechlich, stark, beeindruckend und souverän?

 
Was haben Selbstverwirklichung und Modehunde miteinander zu tun?

Welchen Hund wir uns aussuchen hat etwas damit zu tun, wie wir selbst uns sehen, wonach wir suchen, wer wir sein wollen. Mit Kindheit, mit Freiheit, mit Selbstverwirklichung. Meist beginnt eine Modehund-Entwicklung damit, dass entweder eine alte, unmodern gewordene Rasse wieder en vogue wird, weil man sie kaum mehr sieht, oder es werden seltene Rassen „entdeckt“. Beiden Entwicklungen haben gemeinsam, dass Menschen sich zunächst Hunde aussuchen, die kaum jemand hat. Die Individualisten, die Neuentdecker, die Retro-Stilisten beginnen einen Trend.

 
Vom Molosser zum Kindchenschema

Der Mops war in meiner Kindheit ein Hund für absolut uralte Leute, die überhaupt keine Ahnung von Hunden hatten und ihre Lieblinge mit Pralinen fütterten. Heute ist der Mops wieder chic. Doch nicht alle Mopshalter wollen einen doggenartigen, territorial veranlagten, körperlich hyposensiblen Hund mit potentiellen Atemproblemen, reduzierten Kommunikationsmöglichkeiten und dem Temperament eines Hirsch- und Wildschweinjägers. Doch so ist ein Mops. Er stammt von molossoiden (doggenartigen) Hunden ab und wurde bereits vor 2000 Jahren in China am Kaiserhof gezüchtet und kam im 16. Jahrhundert in die Niederlande. Der Mops ist heute Produkt züchterischer Übertreibungen wie so viele Rassen. Trotzdem einige Züchter versuchen „Retro Mopse“ zu züchten, die besser atmen, laufen und kommunizieren können setzt sich der Trend leider nicht durch. Immer wieder sehe ich Hunde deren Herkunft man nur als Qualzucht beschreiben kann. Das gleiche gilt auch für französische Bulldoggen, die zwar kleine aber echte Doggen sind. Sie haben Mut, ein großes Herz, Durchsetzungsvermögen und leider die sehr ansprechenden, abgerundeten Ohren, die ihnen ihren Auftritt als echte Dogge verderben.

Wenn das Kindchenschema (großer, runder Kopf, Kulleraugen) uns einen Hund vorgaukelt, den wir verwöhnen, bekuscheln, streicheln, herzen und ein bisschen spazieren führen können, dann wird die Sehnsucht nach Kind, Baby und „versorgen“ angesprochen. Oder haben alle Mops- und Bulldoggen-Halter sich bewusst einen hochgradig territorialen und ernsten Hund im Kinderkostüm angeschafft? Meist arrangieren sich die Hunde mit ihrer Rolle und auch der Mensch macht Zugeständnisse an seinen Hund. Dennoch bleibt die Frage, warum wir uns von der Optik so verführen lassen.

 

Unerfüllte Erwartungen bei mensch und Hund

Als ich das erste mal in meinem Leben Anfang der Neunziger Jahre an der Hamburger Universität einen Rhodesian Ridgeback sah, war ich zutiefst beeindruckt. Ein ganz ruhiger, großer, stattlicher, souveräner und gelassener Rüde im Studentencafe. Seitdem begleitet mich dieses Bild und ich verstehe sehr, sehr gut, warum so viele Menschen einen Ridgeback an ihrer Seite haben möchten! Heute frage ich mich natürlich (Berufskrankheit!), ob dieser Hund tatsächlich zufrieden und entspannt war.

Fast zehn Jahre nach diesem einen Zusammentreffen zog meine Ridgeback Hündin bei mir ein. Glücklicherweise erfüllte sie meine Erwartungen nicht und ich bekam die Chance über Sehnsüchte und Vorstellungen, über Hundeerziehung und Rassespezifität nachdenken zu müssen.

Wir alle verknüpfen Erwartungen mit unseren Hunden, haben vielleicht die Idee einem Hund aus dem Tierschutz ein Heim und Liebe und Zuwendung und Verständnis und Freiheit und Sicherheit zu geben. Ich habe auch Hunde aus dem Tierschutz und hatte natürlich das Bild, dass wir alle gemeinsam froh und unbeschwert durch Stadt und Land schweben. Das hat so nicht geklappt und es ist gut so.

 

Für jede Sehnsucht der passende Hund?

Auch „der Tierschutzhund“ ist ein Modehund, weil er eben jene Sehnsucht bedient etwas Gutes tun zu wollen. Und das ist (glücklicherweise) in Mode.

Egal ob wir uns einen Helden (zum Beispiel einen Rhodesian Ridgeback), eine Schönheit (zum Beispiel einen Weimaraner oder Magyar Viszla), ein Herzchen (zum Beispiel einen Mops, eine Bulldogge oder einen Zwerg-Dackel) oder einen hilfsbedürftigen Hund in unser Leben holen. Es geht um unsere Sehnsüchte, die wir unbewusst dadurch erfüllen wollen.

Das sollten wir bedenken und uns fragen, ob wir tatsächlich wissen, was für einen Hund, mit welchen Bedürfnissen, Veranlagungen, Leidenschaften, Ängsten und Nöten wir uns ausgesucht haben. Oder wollten wir genau diesen Hund weil andere ihn auch haben? Oder weil ihn kein anderer (noch nicht!) hat? Was sagt das über uns? Stellen wir, vielleicht zunächst unbewusst, unser Ideal über die Individualität, über die Natur unserer Hunde? Sich damit auseinander zu setzen schafft nicht nur ein tieferes Verständnis der eigenen Motivationen, sondern macht auch Freude, weil man seinem anvertrauten Vierbeiner noch einmal neu begegnet. Verantwortung für das körperliche, geistige und seelische Wohl unserer Hunde beginnt mit der Bewusstheit ihrer Bedürfnisse, Veranlagungen und eventuell auch Handicaps. Und eventuell mit der Entscheidung, den eigenen Sehnsüchten zu widerstehen.

Der kaiserliche Mops hat Liebe und Bewunderung verdient, aber auch eine gesunde Zucht, Anerkennung seiner Doggen-Vergangenheit und Ächtung der Qualzucht!

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Herzliche Grüße aus dem Snuut-Huus om Deich
Ihre Karin Jansen

 

Quellen & Empfehlungen:

Karin Jansen

Karin Jansen, Gründerin von STADT MENSCH HUND, 2006, studierte Psychologie und ist Fachbuchautorin im Bereich Hundeerziehung. Sie ist als Dozentin unterschiedlicher Ausbildungseinrichtungen und Seminarträgern tätig. Seit 2016 leitet sie das Institut für Kynogogik®, in dem die Studiengänge Berater und Coach für Kynogogik® angeboten werden. Kynogogik ist die Wissenschaft, die sich ganzheitlich mit dem lebenslangen Lernen von Hunden unter Berücksichtigung aller inneren und äußeren Einflüsse beschäftigt. Eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Hundes und das harmonische Zusammenspiel von Mensch und Hund liegen ihr am Herzen.